Der neue 3D-Drucker Aurora soll aus einem Foto, ein paar Worten oder einem Sprachbefehl ein fertiges Bauteil machen. Und das ganz ohne CAD-Software oder Slicer. Ich kann es kaum glauben. Gleichzeitig will ich ihn unbedingt in Aktion sehen.
Mein Verhältnis zu KI-Ankündigungen ist kompliziert. Ich habe lange genug mit der Technologie gearbeitet, um eine gesunde Skepsis gegenüber dem zu entwickeln, was sie tatsächlich kann. Vor allem, wenn jemand sie als revolutionär bezeichnet. Trotzdem kann ich einer ausreichend gewagten Behauptung offenbar einfach nicht widerstehen.
Womit wir beim Aurora von BCN3D wären, der am 17. November auf der Formnext Premiere feiert.
Der spanische Hersteller hat einen industriellen 3D-Drucker für 19.999 € angekündigt, der CAD- und Slicing-Software angeblich komplett überflüssig macht. Sie zeigen ihm ein Foto eines Bauteils, beschreiben, was Sie wollen, oder sagen es ihm einfach. Konstruktion und Fertigung übernimmt dann die integrierte KI. Von der Idee zum fertigen Bauteil mit zwei Klicks, so heißt es zumindest.
Ich bin ehrlich verblüfft.
BCN3D zufolge läutet der Aurora „mit einem disruptiven System eine neue Ära ein, das die Abhängigkeit von CAD-Software beseitigt und den 3D-Druck für 90 % des Industriesektors erschließt“.
Ein halbwegs überzeugendes 3D-Modell zu generieren, ist eine Sache. Ein präzises, funktionsfähiges technisches Bauteil mit den richtigen Abmessungen, Toleranzen und mechanischen Eigenschaften aus einem Foto und ein paar Anweisungen zu erzeugen, ist etwas ganz anderes. Und soweit ich weiß, schafft das bislang keine KI.
Manche Dinge kann selbst die ausgefeilteste KI unmöglich aus einem Bild ablesen. Es sei denn, BCN3D hat das Problem der fehlenden Informationen still und heimlich gelöst. Sonst ist mir schleierhaft, wie das funktionieren soll.
Vielleicht ist die Realität deutlich eingeschränkter als das Versprechen. Ich vermute ein cleveres parametrisches Konstruktionssystem, das für ein bestimmtes, enges Spektrum an Bauteilen gut funktioniert, etwa für Halterungen oder Gussformen. Das wäre an sich schon beeindruckend. Aber es ist etwas ganz anderes, als „CAD überflüssig zu machen“.
Und trotzdem geht er mir nicht aus dem Kopf.
BCN3D vermarktet den Aurora als neue Maschinenkategorie. Doch unter den KI-Versprechen steckt ein altbekannter industrieller FDM-Drucker. Er bietet zwei unabhängige Extruder (IDEX), eine beheizte Druckkammer und ein automatisiertes Materialhandling. Seine technischen Daten sind nahezu identisch mit denen des Omega I60, den das Unternehmen bereits im Programm hat.
Ist das Clickbait in Ingenieursform? Wahrscheinlich. Werde ich trotzdem am Formnext-Stand vorbeischauen? Wahrscheinlich.
Die enttäuschende Enthüllung und das leicht dämliche Gefühl danach sehe ich schon kommen. Aber ich will es trotzdem wissen.
BCN3D verspricht Live-Demos auf der Formnext.
Lizenz: Der Text von "3D-Druck ohne CAD und Slicer: Kann der BCN3D Aurora sein Versprechen halten?" von All3DP Pro unterliegt der Creative Commons Attribution 4.0 International License.